DAS PFEIFENWERK

Der zentrale und wichtigste Teil einer jeden Orgel sind die Pfeifen, die die Töne erzeugen. Es lassen sich zwei Bauweisen von Orgelpfeifen unterscheiden, die in ihrer Konstruktion und Klang großen Unterschiede aufweisen: die Labialpfeifen und die Lingualpfeifen.

Labial-Pfeifen
Labial- oder Lippenpfeifen bestehen aus drei Teilen: Dem Pfeifenkörper, dessen Länge und Durchmesser für die Tonhöhe und Klangfarbe der Tones verantwortlich sind, dem Fuß, auf dem die Pfeife in ihrer Halterung stabil steht, und dem Kern, der am Übergang vom Fuß zum Körper angebracht ist und beide bis auf einen schmalen Spalt, die Kernspalte, durch die die Luft hindurch muss, um aus dem Pfeifenfuß in den Pfeifenkörper zu gelangen, voneinander trennt. Auf der Höhe des Kernes hat die Pfeife an ihrer Vorderseite eine Öffnung, das sog. Labium (daher auch Labial- oder Lippenpfeifen), die oben und unten durch das Ober- und das Unterlabium begrenzt wird. Die Größe der Öffnung zwischen Ober- und Unterlabium wird mit dem Maß des Aufschnitts bezeichnet. Dessen Höhe wird in Relation zu seiner Breite angegeben, die selbst wiederum in Relation zum Pfeifenumfang steht. Man sagt also beispielsweise, eine Pfeife habe einen Aufschnitt mit 1/4 Höhe und 1/3 Breite. Die Proportionierung des Aufschnitts ist ganz entscheidend für die Entstehung des Tones einer Labialpfeife und dessen Charakteristik (sehr schematisch: Hoher Aufschnitt = lauterer, mehr grundtöniger Klang, aber schwerere Ansprache; niedriger Aufschnitt: leiserer, obertönigerer Klang, der schneller anspricht. Ähnlich verhält es sich auch mit der Breite der Labierung: Schmaler = flötiger und leiser, breiter = prinzipaliger und lauter).

Der Luftstrom muss am Kern den Kernspalt passieren. Durch den (exakt zu bestimmenden) Winkel der Kernfase (nicht -phase!), d. i. die Kante des Kernes, an der entlang der Wind aus dem Fuß austritt, wird der Wind nun so gelenkt, dass er auf das Oberlabium (oder: Oberlippe) trifft, das den Luftstrom teilt und dabei in Schwingung versetzt (anregt). Diese angeregte Luft bildet nun im Pfeifenkörper, der als Resonator fungiert, den Ton. Letztendlich ist also das Funktionsprinzip mit dem der Blockflöte identisch.

       
Abb: Goethe.


Klanghöhe und Klangfarbe einer Pfeife werden wiederum durch drei Faktoren bestimmt: Die Länge des Pfeifenkörpers, seine Mensur und das verwendete Material.


Größe von Labialpfeifen
Grundsätzlich gilt: Je länger eine Pfeife ist, desto tiefer ist der Ton, den sie erzeugt. Die Länge einer Pfeife wird in der alten Einheit des Fuß gemessen. Ein Fuß entspricht dabei ~30 cm.

Eine Pfeife, die den Ton C erklingen lässt, ist acht Fuß (geschrieben 8') lang. Eine Pfeife, die den Ton c° (also eine Oktave höher) erklingen lässt, ist nur noch halb so lang, also 4' usw. Die größten und tiefsten Pfeifen, die im Orgelbau (wenn auch nur extrem selten um nicht zu sagen: praktisch nie) Verwendung finden, sind 64' lang, erreichen also eine Länge von annähernd 20m! Pfeifen von 32' Länge sind schon öfter anzutreffen, wenn sie auch keineswegs häufig sind. Die Längenangabe der Pfeifen bezieht sich dabei stets lediglich auf den klingenden Teil, also den sog. Pfeifenkörper. Der sog. Fuß (dessen Länge sehr frei variieren kann, ohne den Ton der Pfeife zu verändern) wird bei den Längenangaben nicht berücksichtigt. Bei sehr kleinen Pfeifen kann es ohne weiteres passieren, dass die Länge des Fußes ein Vielfaches der Länge des klingenden Pfeifenkörpers beträgt!

Neben Pfeifen, die mit einem ganzzahlige Fußmaß bezeichnet werden, (die also in Oktavabstand zueinander klingen) gibt es auch solche, die in einem anderen Intervall (stets bezogen auf den Ton C als tiefste Pfeife) klingen: Quinten werden mit Drittel-Brüchen gekennzeichnet (also beispielsweise 2 2/3', d. i. der dritte Teilton einer Pfeife C 8', oder 1 1/3'), Terzen mit Fünftel-Brüchen (z. B. 1 3/5'), Septimen mit Siebtel-Brüchen (z. B. 1 1/7'), Nonen mit Neuntel-Brüchen (z. B. 8/9'). Allerdings finden nur Quinten und Terzen häufig Verwendung im Orgelbau.

Oft ist es allerdings nicht möglich, Pfeifen, die 16' oder 32' oder manchmal sogar nur 8' lang sind, in einer Orgel (oder einer bestimmten Stelle einer Orgel) unterzubringen, weil nicht ausreichend Höhe zur Verfügung steht. In solchen Fällen gibt es verschiedene Lösungen: Zum einen kann man einen Teil des Pfeifenkörpers schräg abschneiden und rechtwinklig versetzt wieder anlöten. Die Pfeife behält also die selbe Länge, braucht aber nicht mehr soviel Höhe. Leider hat dieses Verfahren auch Einfluss auf den Klang (und die Stabilität!) der Pfeife, weshalb man diese Möglichkeit des Kröpfens nur sparsam anwendet.

Eine völlig andere Möglichkeit, die Länge einer Pfeife bei gleich bleibender Tonhöhe zu verringern, ist das decken:
In einer Pfeife werden die Schwingungen an der in dieser befindlichen Luftsäule als stehende Wellen gebildet. In einer zylindrisch offenen Pfeife bilden sich Halbwellen, d. h.: Der Pfeifenkörper ist exakt halb so lang wie die akustische Welle des Tones, den sie hervorbringt. Hierbei befindet sich der Schwingungsknoten in der Mitte des Pfeifenkörpers. Es entstehen sowohl gerade wie auch ungerade Teiltöne.
Verschließt man aber beispielsweise eine Pfeife von 4' Länge an ihrer oberen Pfeifenmündung, so bilden sich nur Viertelwellen, die Pfeife klingt eine Oktave tiefer, als es der realen Pfeifenlänge entspricht, also als ob sie 8' lang wäre; hierbei entstehen nur ungerade Teiltöne, was den Klang der Pfeife charakteristisch färbt. Bei dieser Bauart spricht man von gedeckten (oder gedackten) Pfeifen, Register dieser Bauart tragen auch häufig den Namen Gedackt.
    

 
  Luftsäule
in offener und gedeckter Pfeife

Abb: Goethe.

Eine Spezialform des Deckens ist unter den Bezeichnungen spanische Kröpfung oder auch Haskell-Kröpfung bekannt: Hierbei wird in eine offene zylindrische Pfeife ein zweiter, an einer Seite geschlossener Zylinder mit einem etwas geringeren Durchmesser als der der Pfeife so hineingehängt, dass die geschlossene Seite nach oben weist.
Der Effekt ist derselbe wie bei einer "normalen" Deckung: die Pfeife klingt um eine Oktave tiefer, als es ihre faktische Länge zulassen würde. Ähnlich wie bei Gedacktpfeifen auch weisen Pfeifen mit spanischem Kropf ein deutlich prominenteres Obertonspektrum zu Lasten des Grundtones auf. Eine nähere Erklärung (auf Englisch) zu dieser bislang eher seltenen Pfeifenbauform gibt es hier, Fotos und einen kurzen (deutschen) Text hier.

Es ist auch möglich, eine Pfeife nicht vollständig zu decken, sondern in den Deckel, der die Pfeifenmündung verschließt, ein Röhrchen einzusetzen. Dieses kann eine unterschiedliche Weite und Länge haben, was den Obertonaufbau (und damit den Klang) der Pfeife beeinflusst. Register dieser Bauart heißen Rohrflöten (Abb: organstops.org.).

Aber auch das gegenteilige Phänomen lässt sich erreichen: Baut man eine 8' lange Pfeife, die neben einem niedrigen Aufschnitt auch eine enge Kernspalte hat und versieht sie auf halber Höhe des Pfeifenkörpers mit einem (kleinen!) Loch, so erklingt sie als 4'. Dieser Ton klingt dann allerdings brillanter und strahlender, als wenn die Pfeife nur 4' lang wäre. Bei diesem Phänomen spricht man von überblasen.


Um Labialpfeifen zu stimmen, bedient man sich verschiedener Mittel. Zum einen kann man die Pfeifen auf Länge schneiden, d. h., die Körperlänge der Pfeife entspricht dann exakt ihrer Tonhöhe. Dieses Verfahren ist wohl das älteste und hatte bis ins Barock hinein Bestand. Der Nachteil hierbei ist, dass sich die durch Temperaturschwankungen unweigerlich auftretenden Stimmungsveränderungen nur sehr schwer korrigieren lassen. Dies ist umso ärgerlicher, wenn sich nicht die ganze Orgel kollektiv verstimmt, sondern nur einzelne Bereiche

Kleinere Metallpfeifen (etwa 2' und kürzer) lassen sich mithilfe des sog. Stimmhorns nachstimmen, indem man das obere Pfeifenende, die sog. Pfeifenmündung,  etwas auf- oder einreibt, die Pfeife also geringfügig verkürzt oder deckt. 
Dieses Verfahren ist allerdings auf Dauer schädlich für das Material, das ermüdet und brüchig wird. Darüber hinaus ist es bei Pfeifen, die größer als 2' sind, nicht anwendbar.

Daher ging man dazu über, die Pfeifen um einige wenige Zentimeter länger zu  bauen, als sie es von ihrer bestimmten Tonhöhe her sein müssten und an ihrer Rückseite an der Pfeifenmündung (also dem oberen Ende des Pfeifenkörpers) sog. Stimmschlitze anzubringen. Hierbei wird die Pfeife so eingeschnitten, dass ein etwa zentimeterbreiter und zwei bis drei Zentimeter langer Streifen Metall nur noch an seiner Unterseite mit der Pfeife verbunden ist. Je nachdem, wie weit man diesen Streifen nun auf- oder abrollt,  verändert sich die reelle Länge der Pfeife (denn der nicht mehr vollständig geschlossene Teil klingt nicht mehr). Dadurch lässt sich die Pfeife mühelos sehr exakt und materialschonend nachstimmen. 
Aber diese Form der Stimmung beeinträchtigt ebenfalls geringfügig den Klang der Pfeife.

Als dritte Möglichkeit kamem in der Mitte des 20. Jh. die Stimmringe auf: Breite Ringe aus der gleichen Legierung wie die Metallpfeife werden wie Manschetten über den oberen Teil der Pfeife gestülpt. Je nachdem, wie weit sie über den eigentlichen Rand der Pfeife hinausragen, desto tiefer wird der Ton der Pfeife.
 

Bisweilen kann es notwenig sein, die Ansprache einer Labialpfeife je nach ihrer Konstruktion etwas zu unterstützen, ihr quasi "auf die Sprünge zu helfen". Das ist immer dann der Fall, wenn die Parameter Kernspaltenöffnung, Kernfase, Aufschnitthöhe und Aufschnittbreite nicht optimal geeignet sind, ein schnelles und sicheres Anprechen der Pfeife zu gewährleisten, für den erwünschten Klang aber unumgänglich sind. Dies ist besonders bei engmensurierten Pfeifen der Streicherfamilie oft der Fall. Man unterstützt die Anprache mit sog. Bärten. Dies sind kleine Metallstreifen (bei Holzpfeifen Holzleisten), die links und rechts des Labiums ("Seitenbärte") oder zusätzlich noch unterhalb davon ("Kastenbärte") angebracht sind. Diese Bärte lenken das aus der Kernspalte austretende Windband gegen Oberlabium und sorgen so für eine sichere und rasche Ansprache. Insbesondere die Seitenbärte können sehr unterschiedlich ausgeformt sein, sie können sowol schmal als auch sehr breit, länger oder kürzer sein. Welche Form sie jeweils haben, hängt sehr vom einzelnen Register und auch vom jeweiligen Orgelbauer und seiner Epoche ab.
In gewissem Maße lassen sich Pfeifen mithilfe der Seitenbärte auch stimmen. Dies wurde vor allem im Barock praktiziert, als man die Pfeifen grundsätzlich auf Länge schnitt und somit keine Möglichkeit hatte, sie über Manipulationen der Pfeifenmündung exakt zu stimmen.
Insbesondere bei romantischen Streicher-Registern existieren zudem noch andere Ansprachehilfen, die sog. "Rollenbärte", die aus einem runden Holzstab vor dem Labium bestehen, und die "Streicherbärte" oder "Freins harmoniques", die eine Art Metallbügel (man könnte auch "Zaumzeug" sagen...) vor dem Labium darstellen.

Alle die bisher beschriebenen Pfeifenformen sind zylindrisch. Es gibt aber auch Pfeifen, die entweder konisch, trichterförmig oder komplex aus diesen drei Grundformen zusammengesetzt sind. Auch dies hat wiederum Einfluss auf die Klanggestalt der Pfeifen.
Es sei an dieser Stelle allerdings auch erwähnt, dass ein guter Intonateur durchaus in der Lage ist, Pfeifen einer bestimmten Bauart so klingen zu lassen, als seien sie in einer anderen Form gebaut.
Allerdings: Der Klang solcher Pfeifen ist dann selten so "frei" und "locker" wie bei Pfeifen, deren Bauform den gewünschen charakteristischen Klang per se unterstützt.
 


Pfeifen-Mensur, Begriffe Register und Disposition
Je nachdem, wie sich der Durchmesser einer Pfeife relativ zu ihrer Länge verhält (d. i. die Mensur), ändert sich die Oberton-Filterung und damit die Klangfarbe der Pfeife. Man spricht im Allgemeinen von weiten, mittleren und engen Mensuren. Hierbei gilt: Je enger die Mensur, desto obertöniger bis "streichender" ist der Klang der Pfeife. Je weiter, desto obertonärmer, grundtöniger ist der Klang. Eine Reihe Pfeifen einer Mensur, die also je Taste eine Pfeife mit gleicher Mensur enthält, wird Klangfarbe oder Register genannt. Der Name eines Registers setzt sich zusammen aus seiner Bezeichnung, die Auskunft über seinen Klang gibt (also Prinzipal, Flöte, Trompete etc.) und der Angabe über seine Tonhöhe, die durch die Länge des tiefsten Pfeife in Fuß angegeben wird (also beispielsweise Prinzipal 8`).

- Das Register Prinzipal (auch Praestant und in höheren Lagen Oktave oder Superoctave genannt) ist die Haupt-Klangfarbe einer jeden Orgel. Der Prinzipal hat eine mittlere Mensur und bildet mit seinem obertonreichen, klaren, geraden Klang das Fundament einer Orgel.

- Weite Register haben eher einen weicheren, flötigen Klang, weswegen sie auch als Flöten-Register bezeichnet werden. Zu den Flöten zählen auch die meisten Gedackt-Register.

- Enger als ein Prinzipal mensurierte Pfeifen klingen dagegen eher scharf und streicherartig, weswegen sie auch Streicher heißen. Zu den Streichern werden bisweilen auch eng mensurierte Gedackte wie z. B. die Quintadena gezählt.

Die geschickte und logische Auswahl der Register aus diesen drei Hauptgruppen (die jeweils dutzende und aberdutzende verschiedene Bauformen enthalten) beim Bau der Orgel und deren Anordnung zu einem harmonischen Klangkonzept nennt man Disposition.


Mehrchörige Register
Neben Registern, bei denen pro Taste (und damit pro Ton) eine Pfeife erklingt, gibt es auch solche Register, bei denen zwei oder mehr Pfeifen erklingen. Diese mehrchörigen Register, die in Dispositionen meist anstatt mit einer Fußzahl mit einer Angabe über die Anzahl ihrer Chöre versehen werden (also beispielsweise 3fach bzw. 3f oder III), werden in zwei Gruppen unterteilt: Die Mixturen und die Kornette.

Mixturen bestehen (i.d.R.) aus Prinzipalpfeifen und setzen sich meist aus drei bis zehn Pfeifenreihen zusammen, die in Oktav- oder Quintlage (selten auch Terzlage) zum Grundton (also dem Nominalton der betätigten Taste) klingen. Die Pfeifenreihen weisen zu allermeist eine Tonhöhe oberhalb von 2' (bezogen auf den Ton C) auf. Terzreihen finden in Mixturen nur recht selten Verwendung, da sie die Gefahr bergen, den Klang "dick" zu machen (wenn sie doch eingesetzt werden, dann in hohen Lagen).
Da die Pfeifen, die bei Mixturen verwendet werden, sehr klein sind, würden sie normalerweise sehr schnell zu hoch klingen, um ihren Ton noch wahrnehmen zu können, geschweige denn, sie stimmen zu können. Daher repetieren Mixturen, d. h. auf bestimmten Tasten springt die Tonhöhe um ein festgesetztes Intervall (meist um eine Quinte oder eine Oktave, siehe Schema ) zurück.
Mixturen (andere Namen für verschiedene Bauformen sind Scharff, Zimbel, Progressio, Plein jeu u. a.) werden nie alleine benutzt, sondern immer zusammen mit anderen Registern, normalerweise mit Prinzipalen.

(Mixturen sind der letzte Rest des mittelalterlichen Blockwerks, das pro Taste aus zahlreichen Pfeifenreihen im Prinzipalbauweise bestand, die die einzelnen Teiltöne des Grundtones verstärkten, also zum Beispiel: 8' + 4' + 2 2/3' + 2' + 1 1/3' + 1' etc. Demenstprechend werden Mixturen heute auch immer noch nur mit dem entsprechenden "Unterbau" an Registern benutzt. Zu einer Mixtur V 1 1/3', die also auf dem 6. Teilton des 8' basiert, müssen also die Prinzipale 8' 4' (2 2/3') und 2' gezogen werden, damit der Klang der Mixtur auf dem richtigen Fundament steht.)

Mixturen runden den Klang nach oben hin ab und machen ihn strahlend. Deshalb spricht man auch von "Klangkronen"

Ein Beispiel für die Zusammensetzung einer Mixtur 4fach:
Taste             Pfeifenlänge (der 4 Chöre)                    
C                2'       1 1/3'     1'          2/3'        
c°               2 2/3'   2'         1 1/3'     1'           
c'                4'         2 2/3'   2'          1 1/3'     
c''               5 1/3'   4'         2 2/3'     2'           


Anders dagegen bei Kornetten. Diese bestehen mindestens aus einer Quint- und einer Terzreihe, gegebenenfalls können Oktav- und seltener Septimreihen dazukommen. Kornette sind mindestens zweichörig, gehen aber nur sehr selten über die Fünfchörigkeit hinaus.
Kornettregister bestehen entweder aus Prinzipal- oder Flötenpfeifen. Sesquialtera und Terzian besteht aus Prinzipalpfeifen, das klassische französische Cornet sowohl aus weiten wie aus engeren Pfeifen. Besonders bei den Kornetten (dem Register, nicht der Registergruppe) gibt es aber regional und epochal starke Abweichungen in der Mensurierung der Pfeifen.
Kornette repetieren zumeist nicht, werden aber ebenfalls nie alleine gespielt (mit Ausnahme des Cornet), sondern nur zusammen mit einem oder mehreren Registern der 8' und 4'-Lage.

Hier einige Beispiele für klassische Kornett-Register:
Kornett (Cornet) 5f
C: 8'+4'+2 2/3'+2'+1 3/5'

Sesquialtera 2f (3f)
C: 2 2/3'+1 3/5'(+ 1 1/3')

Terzian 2f
C: 1 3/5'+1 1/3'

Eine Sonderform der mehrchörigen Register sind die sog. Schwebungen. Sie bestehen aus zwei Pfeifenreihen gleicher Tonhöhe und Mensur. Der einzige Unterschied ist die um einige wenige Cent abweichende Stimmung der zweiten Pfeifenreihe. Durch diese absichtliche leichte Verstimmung ergibt sich beim Zusammenspiel der beiden Pfeifenreihen ein "schwebender" , sphärische Klang. Schwebende Register gibt es sowohl als Prinzipale (Voce umana), wie auch als Flöten (Unda maris) oder Streicher (Vox coelestis).

Das Zusammenspiel verschiedener Faktoren beschränkt sich allerdings bei Labialpfeifen nicht auf den oben skizzierten relativ einfachen Parameter Pfeifendurchmesser - Pfeifenlänge. "Erschwerend" kommen die Faktoren Aufschnittbreite, Aufschnitthöhe und Kernfasenwinkel hinzu. Eine knappe, aber informative Einführung hierzu gibt es bei Gerhard Walcker-Mayer.



Materialien und Verarbeitung
Der dritte wesentlich für den Klang einer Pfeife verantwortliche Faktor ist die Auswahl des verwendeten Materiales. In aller Regel finden Holz und Metall Verwendung. Doch innerhalb dieser Materialgruppen gibt es erhebliche Unterschiede. Der Großteil aller Orgelpfeifen wird aus Metall gebaut. Allerdings nicht aus irgendeinem, sondern entweder aus Zinn, Blei oder einer Legierung aus beiden (dem sog. Orgelmetall). Ob Zinn oder Blei verwendet wird oder welches Mischungsverhältnis bei einer Legierung, hängt (auch) davon ab, welches Klangergebnis man erreichen möchte: Zinn sorgt für einen strahlenden, obertönigen, weit tragenden Klang, der aber zur Schärfe neigt. Blei dagegen bewirkt einen sehr weichen, warmen Klang, der aber nicht sehr tragfähig ist. Es kommt also auf die geschickte Abwägung der Vor- und Nachteile an. Es gilt allerdings auch zu beachten, dass reines Blei oder hochprozentige Bleilegierungen sich nicht für große Pfeifen eignen, da Blei ein sehr weiches Metall ist, das dem Gewichtsdruck nicht auf Dauer standhalten würde.
In alten Orgelbau verwendete man trotzdem aus Kostengründen auch bei großem Pfeifen (8' oder gar 16') Legierungen mit einem sehr hohen Bleianteil oder gar reines Blei, dem aber dann noch Spuren von Antimon (unter 3%) beigemischt wurden, was die Festigkeit sehr erhöht.
Ohnehin war man bis ins 19. Jh. nicht in der Lage, Metalle faktisch rein zu verhütten. Eine gewisse Verunreinigung mit Spuren anderer Metalle war unumgänglich.

Neben Zinn und Blei kommen auch noch andere Metalle, meist in reiner Form, zur Verwendung. Seit dem Spätbarock wurde für große Pfeifen, die man aus sehr kostspieligem Zinn hätte herstellen müssen, Zink verwendet. Diese versah man dann mit einer Auflage aus Silberfolie, um ihnen das Aussehen von Zinnpfeifen zu geben oder lackierte sie mit Silberbronze. In Deutschlangd wurden nach dem ersten Weltkrieg Orgelpfeifen, die wegen ihres Zinngehaltes zur Konservendosenherstellung (!) beschlagnahmt worden waren, meist durch Zinkpfeifen ersetzt, da Zinn unerschwinglich geworden war.
Zink hat den Vorteil, außerordentlich fest und spröde zu sein und bietet sich damit insbesondere für große Pfeifen an. Allerdings haben Zink-Pfeifen verglichen mit Zinnpfeifen einen ungünstigen Obertonaufbau, was es sehr schwer macht, sie klanglich an Zinn/Blei-Pfeifen heranreichen zu lassen. Aus diesem Grund kommen Zinkpfeifen im modernen Orgelbau praktisch nicht mehr zur Anwendung.

Als zweites Hauptmaterial bei Orgelpfeifen dient Holz. Es ist auch hier nicht ganz beliebig, welche Holzsorte für welches Register verwendet wird, die Unterschiede sind aber weniger frappant als bei Metallpfeifen. Meist wird für Orgelpfeifen Eiche, Fichte, Mahagoni oder Obstholz verwendet.
Der Klang von hölzernen Pfeifen unterscheidet sich deutlich von dem der metallenen Pfeifen. Er ist leiser, weicher und obertonärmer, aber sehr tragfähig. Daher wird Holz vorzugsweise für Flötenregister und tiefe Bassregister verwendet. In der Konstruktion unterscheiden sich hölzerne Pfeifen nur dadurch von solchen aus Metall, dass sie anstatt rund viereckig sind. Dies hat aber auf den Klang wenig bis keinen Einfluss und ist nur der einfacheren Herstellung geschuldet (die berühmte Orgelbaufirma Walcker hat vereinzelt große Holzregister in "Faßbauweise" hergestellt. Dies hat sich aber nicht durchgesetzt.).

 

Lingual-Pfeifen (Abb.: Goethe)
Neben den jetzt ausführlich beschriebenen Lippen-Pfeifen gibt es in der Orgel auch Pfeifen, die Lingual- oder Zungen-Pfeifen genannt werden. Ihr Anteil am gesamten Pfeifenbestand einer Orgel geht nicht über ein Drittel hinaus, bewegt sich meist sogar nur zwischen einem Fünftel und einem Viertel.
Zungenpfeifen sind in ihrer Konstruktion deutlich komplexer als Labial-Pfeifen und klanglich von ihnen völlig verschieden.


Konstruktion
Das Funktionsprinzip einer Zungenpfeife besteht in einem (Metall-) Blatt, der Zunge, das auf einem hohlen Rohrsegment, der Kehle, liegt und durch die Luft, die durch den Stiefel (d. i. der Fuß einer Zungenpfeife) einströmt, in Schwingung versetzt wird. Diese Schwingungen übertragen sich auf die Luft in der Kehle und dem daran anschließenden Resonator, dem Becher. Der Ton, der aus dieser periodischen Unterbrechung des Luftstromes (durch die die Kehle zyklisch verschließende Zunge) entsteht, wird durch die Resonatoren, die sog. Becher, veredelt und verstärkt. Die Kehle, auf der die Zunge liegt, ist mithilfe des Keils zusammen mit der Zunge in einem Bleistück, der sog. Nuss (auch Kopf genannt) befestigt, an deren anderem Ende der Resonator angebracht wird. Die Nuss steckt mit der unteren Seite im sog. Stiefel, der ein Fußloch besitzt, durch das die Luft einströmen kann. Mithilfe der Krücke (auch Stimmkrücke genannt) kann das Zungenblatt an verschiedenen Stellen auf die Kehle gedrückt werden, so dass sich der schwingende Teil verkürzt oder verlängert. Dadurch lässt sich die Pfeife auf die exakte Tonhöhe stimmen.
(Abb: Goethe.)

 
  Abb: Goethe.

Klang und Material von Lingual-Pfeifen
Die Klangfarbe und Lautstärke einer Zungenpfeife ist von vier Faktoren abhängig: Von der Breite und Dicke des Zungenblattes (je dünner, desto obertöniger), vom Material, das bei Zunge und Becher verwendet wird (Holz, Messing, Weißblech oder Zinn), von der Höhe des Druckes, mit dem die Luft in die Pfeife geleitet wird und zuletzt (ganz wesentlich) von der Form und Mensur des Bechers. Man unterscheidet zwischen kurzen und langen sowie zwischen zylindrischen, konischen und Bechern mit komplexen Formen. Lange,weite konische Becher bilden alle Teiltöne und bewirken einen kräftigen, grundtönigen, schmetternden oder runden Klang, solche Register tragen Namen wie Trompete oder Posaune, während Linguale mit kurzen, engen, zylindrischen Resonatoren, die vorwiegend die ungeraden Teiltöne bilden, einen leiseren, obertonreichen, näselnd-hellen, häufig schnarrenden Klang haben. Solche Linguale heißen Krummhorn, Vox humana oder Regal.

Das Material des Schallbechers hat natürlich auch Einfluss auf den Klang: Hölzerne Schallbecher machen den Klang eher rund und dunkel, Metallbecher und hier besonders solche aus Weißblech (die heute nicht mehr hergestellt werden) erzeugen einen eher hellen, strahlenden Klang.


Deutsche und französische Linguale
Bei der Konstruktion von Zungen-Pfeifen lassen sich zwei Prinzipien unterscheiden: Das deutsche und das französische. Durch die unterschiedliche Anordnung des Kopfes (auch Nuss genannt) und die verschiedenen Bauformen der Kehle besitzen deutsche und französische Zungen deutlich voneinander zu unterscheidende Charakteristika. Während Zungen deutscher Bauweise eher schlank und zart, gelegentlich sogar etwas spröde und schnarrend klingen, sind französisch gebaute Zungenregister (insbesondere Trompeten) sehr massig, kräftig und bestimmen den Gesamtklang der Orgel ganz entscheidend.


Horizontal-Linguale
Im Regelfall werden in einer Orgel alle Pfeifen bzw. Register senkrecht stehend montiert. Eine Untergruppe der Linguale macht allerdings eine Ausnahme: Die Horizontal-Zungen. Ihren Ursprung haben sie im Spanien und Portugal des 18. Jahrhunderts. Horizontalzungen klingen noch stärker und durchdringender als normale, vertikale Register und wurden traditionell als Solo-Register verwendet.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden die Horizontal-Trompeten als Chamades Eingang in den französisch-romantischen und später auch in den englischen Orgelbau. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts sind sie auch in Deutschland vereinzelt anzutreffen.

Generell (und sehr schematisch) lassen sich drei Unterbauarten der Horizontalzungen unterscheiden: Die spanisch-barocke, die französisch-romantische und die englisch/amerikanische postromantische Bauweise. Während spanische Horizontale eher schlank klingen und solistisch verwendet wurden, französische Horizontale eher voll und rund klingen und den Gesamtklang wie eine Mixtur krönen, sind die englisch/amerikanischen Horizontaltuben als absolute Soloregister sehr grundtönig und meist auf maximale Lautstärke ausgelegt. Sie entwickeln einen bisweilen enormen Schalldruck und klingen sehr schneidend.

   

(Abb.: http://www.katholische-kirche-hameln.de

 

Wer genaueres über Orgelregister wissen will, sollte bei www.organstops.org vorbeischauen.



Winddruck
Pfeifen erklingen, indem sie angeblasen werden. Es ist aber alles andere als nebensächlich, wie stark sie angeblasen werden. Generell gilt: Je höher der Druck, desto lauter aber auch "angestrengter" klingt eine Pfeife. Gleichzetig korrespondiert der Druck, mit dem eine Pfeife angeblasen wird, mit deren Aufschnitt (siehe oben). Pfeifen, die mit niedrigem Druck angeblasen werden, benötigen einen deutlich niedrigeren Aufschnitt als solche, die mit höheremn Druck versorgt werden.

Es kommt also auf den Luftdruck (im Orgelbau Winddruck genannt) an. Dieser wird im Orgelbau in Millimeter Wassersäule (mm WS) gemessen. Hierzu schliesst man ein U-förmig gebogenes Röhrchen, das zum Teil mit Wasser gefüllt ist, an die Windversorgung der Orgel an. Durch den Luftdruck wird das Wasser aus seiner Mittellage in dem Röhrchen verdrängt und in dem einen der Röhrchenarme ein Stück weit hochgedrückt. Die Strecke, die das Wasser verdrängt wurde, wird in Millimetern gemessen. Normal sind Winddrücke zwischen 60 und 100 mm WS, bei kleinen Orgeln kann er durchaus darunter liegen, bei großen Orgeln (in großen Räumen) auch deutlich darüber. Es gibt Register (insbesondere Zungenregister im englisch/amerikanischen Orgelbau), die einen Windduck von 1000 mm WS und mehr haben. Diese infernalisch lauten Register sind aber sehr seltene Ausnahmen.


   

 

 
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