DIE WERKE

Eine Orgel verfügt, wie sich gezeigt hat, über eine sehr breite Palette von unterschiedlichen Klangfarben, die es zu kombinieren und zu kontrastieren gilt. Um dies zu ermöglichen, sind die Pfeifen, also alle Register einer Orgel, auf mehrere sog. Werke aufgeteilt, die über separate Klaviaturen im Spieltisch getrennt angespielt werden können. Gewöhnlich verfügt eine Orgel über mindestens drei Teilwerke, von denen zwei von Manual-Klaviaturen (ähnlich der des Klavieres) aus gespielt werden können und eines über eine Pedal-Klaviatur. Gewöhnlich ist jedem Teilwerk eine bestimmte Klaviatur zugewiesen.

In jedem dieser Teilwerke befinden sich eine Anzahl Register, die sich aber von Werk zu Werk unterscheiden. Jedes Teilwerk trägt einen Namen, zum Beispiel: Hauptwerk, Positiv, Brustwerk, Oberwerk, Schwellwerk, Pedal.
Das Hauptwerk trägt seinen Namen daher, dass es aus der "Ur-Orgel", dem Blockwerk, hervorgegangen ist und die meisten und (in ihrer Summe) kräftigsten Register in sich beherbergt.
Gotische Blockwerksorgeln waren klein und besaßen nur ein Werk, dafür waren aber meist mehrere Orgeln im Raum verteilt. Mit der Zeit wuchsen aber die technischen Möglichkeiten und der Wunsch nach einem größeren Orgelwerk an einer festen Stelle. So stellte man das bisher selbständige Chor-Positiv, das, wie sein Name sagt, bisher im Chor der Kirche gestanden hatte, zu der (vor die) Hauptorgel und verband die Trakturen der beiden miteinander, so dass sie zusammen spielbar waren. Da die alte Chororgeln zumeist vor der Hauptorgel aufgestellt wurde und der Spieler ihr beim Spielen den Rücken zukehrte (denn der Spieltisch war zumeist in den Unterbau der Hauptorgel eingebaut), wude dieses zweite Werk Rückpositiv genannt (im englischen Orgelbau trägt es noch seinen ursprünglichen Namen Choir-Organ). So kam es zur 2-manualigen Orgel.
Neben den kleinen Positiven gab es auch die noch kleineren Regale (s. u. "Sonderformen"), die durch ihre geringe Größe gut zu transportieren waren. Mit der Zeit wurden auch sie der großen Orgel "einverleibt", indem man sie oberhalb der Klaviaturen (etwa in Brusthöhe des Spielers) in den Unterbau der Hauptorgel einbaute und bald um einige Stimmen erweiterte. Das Brustwerk was entstanden. In den Niederlanden begann man dann schon bald, dem Hauptwerk einen halbwegs ebenbürtigen Partner gegenüberzustellen, indem man über ihm ein Oberwerk anbrachte. Aus diesem vier Manualwerken (bzw. einer Auswahl aus ihnen) bestand bis in das 19. Jahrhundert hinein eine jede Orgel.
Insbesondere an alten Orgeln lässt sich dieser Aufbau aus mehreren Teilwerken am Äusseren gut ablesen, die Abbildungen hier zeigen jedoch eine moderne Form und einen schematischen Schnitt durch eine solche Orgel:



Im barocken Orgelbau besonders Norddeutschlands und der Niederlande galt das sog. Werkprinzip: Jedes einzelne Teilwerk wurde als eigene, selbständige kleine Orgel aufgefasst und dementsprechend mit Registern ausgestattet. Dabei verfügte aber nun nicht jedes Teilwerk über die gleichen Register, sondern hatte seine ganz eigene Charakteristik, die sog. Farbencharakteristik. Diese Charakterisierung der Teilwerke wurde so perfektioniert, dass man bei einigen barocken Orgeln nachweisen konnte, dass der Klang der einzelnen Werke den Formanten der menschlichen Vokalen sehr nahe kommt. Das Hauptwerk klingt also o-ähnlich, das Rückpositiv e-ähnlich, das Brustwerk i-ähnlich usw.

Im 19. Jh. wurde dann diese Werkverteilung (mit jeweils ganz unterschiedlichen Klangfarben) aufgegeben zugunsten eines Konzeptes, bei dem alle Manualwerke einen recht ähnlichen Klang besaßen und nur in ihrer Lautstärke differierten.
Zu dieser Zeit begann sich das im Spanien und England des 18. Jh. (offenbar unabhängig voneinander) entwickelte Schwellwerk im Rest Europas zu verbreiten. In einem Schwellwerk sind die Pfeifen von einem dickwandigen Kasten umgeben, der an seiner Vorderseite (bisweilen auch zusätzlich an seiner Oberseite) Holzlamellen aufweist, die sich vom Spieltisch aus öffnen und schließen lassen, was eine mehr oder mindere Dämpfung des Klanges ergibt. Hierbei gilt es allerdings zu beachten, dass ein Schweller vor allem auf die hohen (Teil-)Töne wirkt. Besonders "schwellfreudig" sind also hohe Register wie Mixturen und vor allem Zungen (ihres großen Obertonreichtums wegen). Bei einem Gedackt ist die Schwellwirkung dagegen nur minimal.
Wo innerhalb einer Orgel ein Schwellwerk aufgestellt wird, ist recht beliebig.
In der romantischen Musik des 19. Jahrhunderts erlangten die Schwellwerke zentrale Bedeutung, da sie es erlaubten, den an sich "starren" Orgelklang in gewissem Maße dynamisch zu gestalten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts durfte in  in keiner Orgel mehr ein schwellbares Werk fehlen, teilweise wurden sogar ganze Orgeln schwellbar eingerichtet. Im modernen Orgelbau sind Schwellwerke gleichfalls sehr verbreitet.
Theoretisch kann man jedes Teilwerk mit einem Schwellkasten umgeben. Lediglich Hauptwerk und Pedal werden nie (heutzutage) mit einem Schwellkasten ausgerüstet.

Zuletzt gibt es noch in (fast) jeder Orgel ein Pedalwerk oder kurz Pedal (von lat. pes=Fuß), ein Werk also, das über eine Fußklaviatur angespielt wird. In diesem Werk finden sich meist die tiefsten und kräftigsten Stimmen einer Orgel.
Die Pedalklaviatur kam erst im Laufe des Mittelalters zur Orgel dazu und diente ursprünglich lediglich dazu, die tiefsten Töne eines Stückes zu spielen, damit der Organist die Hände frei hatte für die höheren Lagen der Klaviatur (deren Tasten damals noch bedeutend größer waren als heutzutage). Zu dieser Zeit spielte man über die Pedalklaviatur auch keine eigenen Pfeifen an, die Tasten der Pedalklaviatur (die meist nur eine Oktave Umfang hatte) war an die tiefste Oktave der Manual-Klaviatur angehängt.
Erst in Laufe der Rennaissance bekam das Pedal eigene Pfeifen und entwickelte sich zu einem eigenständigen Teilwerk, dem anfänglich aber hauptsächlich Melodiestimmen zugedacht waren. Erst im Laufe des Barock bekam es die tiefen und kräftigen Stimmen zugewiesen, die es bis heute charakterisieren. In der Renaissance besaß das Pedal meist noch einen sehr begrenztem Umfang von höchstens zwei Oktaven. Lediglich in den Niederlanden und dem angrenzenden Norddeutschland wurde das Pedal rasch zu einem tatsächlich ebenbürtigen Partner der Manuale. In Süddeutschland, Frankreich, Italien und Spanien bileb es dagegen bis ins 19. Jahrhundert hinein ein "Baßklavier" mit wenigen Registern und geringem Umfang.


Als Veranschaulichung soll nun eine Disposition folgen, also eine Auflistung der einzelnen Register einer Orgel mit Werkprinzip, geordnet nach Teilwerken und Tonhöhe. Die Register, die zur Familie der Prinzipale gehören, sind schwarz eingefärbt, die Flöten blau, die Streicher und engen Flöten rot und die Zungenregister grün .
(Disposition frei nach Hamburg, St. Jacobi, Schnitger-Orgel)

 
Hauptwerk
Prinzipal 16'
Quintade 16' 
Prinzipal 8'
Spitzflöte 8'
Gambe 8' 
Oktave 4'
Rohrflöte 4' 
Oktave 2'
Blockflöte 2'
Kornett 2-4f 3'

Mixtur 6f 1 1/3'
Zimbel 3f ½'
Fagott 16' 
Trompete 8'
Oberwerk
Quintade 16'
Prinzipal 8' 
Rohrflöte 8'
Holzflöte 8'

Oktave 4'
Spitzflöte 4'
Quinte 2 2/3'
Oktave 2'
Waldflöte 2'
Scharff 4f 
Trompete 8'
Vox humana 8'
Trompete 4' 
Rückpositiv
Prinzipal 8'
Gedackt 8'
Quintade 8'
Oktave 4'
Blockflöte 4'
Oktave 2'
Querflöte 2'
Sesquialtera 2f 
Scharff 4f  
Krummhorn 8'
Trompete 8'
Brustwerk
Gedackt 8' 
Prinzipal 4'
Hohlflöte 4'
Oktave 2'
Terzian 2f
Zimbel 4f
Regal 8'
Pedal
Prinzipal 32'
Prinzipal 16'
Subbass 16'
Oktave 8'
Gemshorn 8'
Oktave 4'
Nachthorn 2'
Mixtur 8f
Posaune 32'
Posaune 16'
Dulzian 16'
Trompete 8'
Trompete 4'
Cornett 2'


   

 

 
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